Das Grauen ist ein Wurm, der den Menschen, um dessen Fähigkeiten willen, verschlingt. So verhält es sich zumindest meiner Erfahrung nach. Um das erklären zu können, muss ich aber zuerst erzählen, wie ich ursprünglich das richtige Fürchten aus Büchern lernte.
Ich war, glaube ich, noch keine neun Jahre alt, als ich das erste Mal ohne Begleitung die Erwachsenenbibliothek enterte. Mir war von Anfang an klar, dass ich niemals heimlich an den wachsamen Augen der beiden kaffeeschlürfenden Damen hinter dem Entlehnungsschalter vorbeischlüpfen könnte. Also habe ich mir am Abend zuvor den Bücherei-Ausweis meiner schlafenden Mutter aus deren Tasche organisiert. Meine ersten Schritte führten mich an jenem Tag direkt an den Tisch der beiden Bibliothekarinnen. Dort verkündete ich tapfer, dass ich meiner kranken Mutter Bücher organisieren sollte, ließ ihnen darauf aber keine Gelegenheit zu antworten, sondern flüchtete mich sofort weiter ins Innere der Räumlichkeiten. Im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich wohl noch nie ein Meister der subtilen Taten gewesen bin. Zu meiner Verteidigung sei aber auch gesagt, dass ich an jenem Tag wirklich, wirklich aufgeregt war, angesichts der neuen, eigentlich gar nicht so verbotenen Welt, die sich mir auftun sollte. So aufgeregt, dass man fast hätte meinen können, ich wäre dabei im Begriff gewesen, mich in eine militärisch bewachte Zone einzuschleichen. Aber an jenem Tag nicht. An jenem Tag war es nur die Erwachsenen-Bibliothek. Aber das sollte schon reichen, um mein Herz schneller schlagen zu lassen.
Ich wusste, wohin ich wollte. Ich hatte das große Regal mit den Fantasy-, Science-Fiction- und Horror-Büchern zuvor bereits oft aus der Ferne angeschmachtet. Meine Mutter interessierte sich hauptsächlich für Krimis und Liebesromane, die ihren Platz genau auf der anderen Seite des großen Raums einnahmen. Somit befand sich der Ort meiner Begierde bis zu jenem Tag immer deutlich außerhalb meines Aktionsradius. Denn es war mir in ihrer Begleitung nicht erlaubt, mich frei in den Räumlichkeiten zu bewegen, und so womöglich die anwesenden Leserinnen und Leser zu stören.
In meiner Erinnerung klopfte immerzu der Regen gegen das große Fenster neben dem Regal, das von nun an zu meinem heiligen Schrein werden sollte, dem ich bald schon den Großteil meiner Freizeit darbringen würde. Beim ersten Mal war die Aufregung aber noch viel zu groß, um dem Sortiment die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Der Ausleihrahmen war auf zehn Bücher beschränkt. Ich hatte kalkuliert, dass ich höchsten drei mitnehmen dürfte, wenn mir meine Mutter, die zu dieser Zeit selbst noch Viel-Leserin war, nicht auf die Schliche kommen sollte. Ich griff mir also rasch die dicksten und buntesten Exemplare. Die mit den spannendsten Titeln. Zumindest denke ich, dass mein Auswahlverfahren damals in etwa so von Statten gegangen sein muss. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß auch, bis bei einem der Bücher, nicht mehr genau, welche Titel ich schlussendlich erbeutete.
Der Weg nach draußen war ereignislos, abgesehen von meinem hämmernden Pulsschlag und den tausend kleinen Toden die ich starb, während eine der Bibliothekarinnen die Ausleih-Karte meiner Mutter stempelte. Weder schenkte mir die Dame mit dem grauen Pferdeschwanz und der randlosen Brille einen skeptischen Blick, als ich ihr schließlich die Bücher über den Schalter reichte, noch wollte sie wissen, ob diese wirklich für meine Mutter gedacht wären. Ich glaube, ein kleiner Teil von mir war damals sogar etwas enttäuscht, dass alles so reibungslos ablief. Aber der größte Teil von mir jubilierte, als ich bald darauf, das nicht zu unterschätzende Gewicht der drei Bücher am Rücken, aufgekratzt mit dem Fahrrad nach Hause strampelte. Das mit dem Jubilieren sollte aber noch am selben Tag, abends, ein Ende finden.
Wie gesagt weiß ich von zwei der drei Büchern, die ich mir an jenem Tag erschwindelt habe, die Titel nicht mehr. Aber den Titel des dritten werde ich wohl niemals vergessen. Die besten Gruselgeschichten würden mir in jener Nacht nämlich, gleich mit seiner ersten Geschichte und von der ersten Seite an, das Tor zu einer neuen, fortgeschrittenen Dimension der Angst öffnen.
Die Geschichte begann unscheinbar. Sie handelte von einem jungen Burschen, der sich nichts sehnlicher wünschte, als ein Haustier. Um zu beweisen, dass er dafür auch die Verantwortung übernehmen könnte, sollte er klein beginnen. Sein Vater brachte ihm daher aus seiner Arbeit im Labor einen Wurm mit nach Hause. Der Wurm beherrschte einige Kunststücke. Er konnte Kreise im Wasser schwimmen, durch einen Ring kriechen und sogar bestimmte Muster mit seinem Körper formen. Der Vater erklärte dem Burschen, dass der Wurm erst wenige Tage alt wäre und nichts von dem was er beherrschte, im herkömmlichen Sinne erlernt hätte. Diese Art von Würmern würde nämlich über das Talent der Anpassung an die Umgebung und Evolution durch Verzehr der eigenen Artgenossen verfügen. Das heißt, es reichte, einen Ur-Wurm zu erziehen, diesen daraufhin in kleine Häppchen zu zerschneiden und an die übrigen Würmer zu verfüttern. Indem man sich so durch die Wurm-Generationen arbeitete, und jeweils die eine an die nachfolgende ausspeiste, ginge niemals wieder auch nur ein Fitzelchen des angeeigneten Wissens verloren.
Im Nachhinein gesehen frage ich mich natürlich, welcher Vater jemals auf die Idee kommen würde, seinem kleinen Sohn das Konzept von Mutation durch Kannibalismus näherzubringen. Andererseits war der Vater in dieser Geschichte Wissenschaftler und somit sicher darauf bedacht, seinem Kind von klein auf das zu bieten, was er als die besten Grundlagen und Voraussetzungen für dessen nachfolgendes Leben hielt.
So kam der Bursche in der Geschichte natürlich auch bald schon auf die Idee, die Lernfähigkeiten seines neuen Haustiers auszuloten. Zuerst besorgte er sich eine Spinne aus dem Garten, die er dem Wurm zum Fraß vorwarf und daraufhin fasziniert observierte, wie dem Wurm über Nacht Beine wuchsen und er die Fähigkeit erlernte, Netze zu weben.
Wiederum stellt sich mir jetzt natürlich die Frage, wie und wieso der Vater es zustande brachte, seinem kleinen Sohn statt einem Kätzchen so einen seltsamen, mutierten Wurm aus irgendeinem obskuren Labor zu schenken. Was natürlich heutzutage für mich auch ein Indikator für die Qualität der Geschichte wäre. Aber mein junges Ich stellte sich diese Fragen nicht. Es war zu fasziniert von den weiteren, für ihn logischen Entwicklungen der geschilderten Handlung.
Der Bursche aus der Geschichte hatte sich bald schon durch die Futterkette nach oben gearbeitet. Zuallerletzt fand das kleine Nachbarshündchen seinen Weg in den Schlund des Wurms, der schon lange seinem Terrarium entwachsen war und nun im Garten hauste. Spätestens da dämmerte mir zum ersten Mal einer der wichtigsten Unterschiede zwischen der Welt, die wir schaffen, um Kinder behütet aufwachsen zu sehen und jener, in der wir uns als Erwachsenen bewegen. Die Unschuld rettet einem nicht immer das Leben. Die Lieblichkeit ist auch kein Garant dafür, von jedem tatsächlich geliebt zu werden. Ganz im Gegenteil. Sie macht einen schwach und angreifbar.
Der kleine Hund in der Geschichte hatte niemandem etwas getan. Er kam schwanzwedelnd gelaufen, als ihn der Bursche anlockte, um in wenig später grausam im Genick zu packen und in den Busch zu werfen, in dem er seinen Wurm verborgen wusste. Der Wurm kam tags darauf und schleckte ihm die Waden und das Gesicht. Er kläffte, wenn ihm der Bursche das Stöckchen hochhielt und abortierte das geworfene Bällchen, ganz so, wie der kleine Nachbarshund es getan hätte. Trotz aller makaberen Wendungen hätte diese Geschichte so zu Ende gehen können, wenn es damals nach mir gegangen wäre. Tat sie aber nicht. Tatsächlich endete sie mit einer Szene, in welcher der Wurm wenig später, morgens, auf dem Stuhl des Burschen saß und seine Mutter zum Frühstück mit dessen Stimme begrüßte.
Nun bestand vor dieser Nacht mein Kontakt mit Geschichten für Erwachsene hauptsächlich aus erschlichenen Filmszenen, wie jener in welcher der Terminator seine Auto-Operationen durchführte, Kino-Trailern für Horrorfilme aus der gleichnamigen Vorschau-Sendung mit Frank Hoffmann, oder dem Filmplakat für Tanz der Teufel, das in der Auslage des Stadtkinos hing. Alles Dinge, denen durchaus und unbezweifelt ihr eigener Horror innewohnte. Ein Horror, der einem sehr wohl auch Herzrasen und Alpträume bereiten konnte. Der aber auch den Vorteil barg, dass die Furcht, die er erzeugte, konkret benennbar und dadurch endlich war. Und außerdem konnte man sich zusätzlich am Schulhof damit brüsten, welche Ausmaße an furchtbaren Bildern man nicht ertragen könnte, ohne dabei wegschauen oder auch nur mit der Wimper zucken zu müssen. Dabei war nicht so wichtig, dass zumindest die Hälfte von dem, was man zum Besten gab, nur Ausschmückungen der Geräuschkulisse waren, die man hinter furchtsam vorgehaltener Hand erlebt hatte. Die eigenen, vagen Schilderungen mussten sich nur weitgehend mit denen der anderen Kinder decken, die zumeist selbst darauf erpicht waren, nicht bei einer Lüge ertappt zu werden.
Das Grauen, das diese Geschichte mit dem Wurm hingegen in mir auslöste, war von anderer Art. Metaphysisch, wenn man so will. Es war von jener Art, die sich weiter in einem fortpflanzte. Die auf sich selbst aufzubauen vermochte, bis sie schlussendlich in die Fundamente dessen zu kroch, was man im Allgemeinen als Wahrnehmung der Realität verstand. Oder später einmal verstehen würde, wenn man älter wäre und sich selbst bereits einen Begriff davon machen konnte.
Es war also am nächsten Morgen, an diesem heimischen Frühstsückstisch, an dem der Erwachsene, der ich nun bin, den kleinen Burschen von damals bei dem Gedanken ertappt, wie man sich jemals sicher sein könnte, kein Wurm zu sein, der seinen Besitzer gefressen hat und nun einfach dessen Leben fortführt. Bis zu dem Tag an dem die natürliche Lebensspanne gelebt wäre, oder etwas Höherstehendes gefunden würde, das zur Vertilgung geeignet schien.
Ich behaupte, dass ich an diesem an diesem Tag begonnen habe zu verstehen, wie manche Geschichten eben nicht nur Geschichten sind, sondern so viel mehr als das. Nämlich die reinste Form von Magie. Portale in eine erweiterte Wirklichkeit. Ausbildungsstätten für das transzendentale Selbst. Je nach Gusto – Hell oder Dunkel. Wobei sich das Dunkel in meinen Augen immer als so viel anziehender und mächtiger erweisen sollte.
Ich kehrte schon sehr bald darauf in die Erwachsenen-Bibliothek zurück, um dieses Phänomen weiter zu untersuchen und meine Kenntnis darum zu vertiefen.
(Erik R. Andara)

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